Sachtext: Über Delinquenzen und journalistische Neutralität

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Die Stadtpolizei Zürich nennt die Nationalität von Tätern in ihren Meldungen ab sofort nicht mehr. Das entschied ihr Vorsteher, Richard Wolff, im November 2017. Seitdem erzürnen sich Betroffene aus verschiedensten Positionen, weil sie der Meinung sind, dass ihnen relevante Informationen vorenthalten würden. Einerseits gibt es gewisse Journalisten, die ihren Auftrag der Neutralität gefährdet sehen, andererseits werden Vertreter des rechten Lagers laut. Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik bei der Luzerner Zeitung, behauptet, Wolff nehme die Urteilsfähigkeit seines Volkes nicht ernst. «Wer das Volk zum Affen machen möchte, macht sich letztlich eben selber dazu.», schreibt er in einem Kommentar.

Bei der SVP heisst es, die Nationalität nicht preiszugeben, sei eine Zensur und beeinträchtige in einem demokratischen Land das Entscheidungsvermögen der Bürger. Denn je besser eine Person informiert sei, desto vernünftiger entscheide diese. Deswegen kündigte die Zürcher SVP sogleich eine Volksinitiative an. Es sei statistisch bewiesen, dass ausländische Bürger eher als gebürtige Schweizer zu Delinquenzen neigen. Darum müsse man das Volk auf die Gefahren aufmerksam machen und die Transparenz garantieren.

Richard Wolff ist überzeugt, dass er mit seiner Entscheidung Vorurteile dämpfen oder gar verhindern wird. Am 7. November 2017 beschrieb er in einer Medienorientierung seine Motivation: Anstatt die wahren Gründe für eine kriminelle Handlung zu suchen, also zum Beispiel das Motiv, gebe man sich mit der Nationalität zufrieden, sagte er. Die Nationalität trage aber nicht dazu bei, die Straftat zu verstehen. Für ihn sei klar, dass kein Zusammenhang zwischen der Herkunft und der Tat besteht. Doch inwiefern beeinflusst Wolff mit seinem Entschluss eine neutrale Berichterstattung?

Gatekeeper sind nicht nur die Journalisten, sondern auch die Quellen

Das Erste vorweggenommen: Journalismus ist und kann auch theoretisch niemals vollkommen neutral sein. Noch bevor der erste Satz geschrieben ist, werden Informationen ungewollt aussortiert. Niemand ist omnipräsent und kann alle denkbaren Ereignisse mitverfolgen. Auch der beste Journalist profitiert nie von der ganzen Fülle an Informationen, die weltweit vorhanden wären. Was er erfährt, ist abhängig von den Orten, an welchen er sich aufhält und von den Personen, mit welchen er spricht. Das sind sehr persönliche und subjektive Aspekte, die den Interessen und Zielen eines Menschen entspringen.

Gerade Redaktoren, die tagtäglich Medienmitteilungen abarbeiten, haben kaum Macht über die Themenwahl. Sie sind abhängig von den Informationen, die der Redaktion zugeschickt werden und den Tipps, die sie erhalten. Dieses Problem verstärkt sich durch die aktuellen Umstrukturierungen auf dem Medienmarkt. Unternehmen fusionieren, Redaktionen schliessen und zahlreiche Journalisten werden entlassen. Die finanziellen Ressourcen für die Berichterstattung mutieren zu einem seltenen Gut. Aus eigenen Erfahrungen in einer Zeitungsredaktion weiss ich, dass ein Mitarbeiter vor zehn Jahren Zeit hatte, zwei bis drei Geschichten pro Woche für die gedruckte Zeitung zu schreiben. Heute muss er diesen Umfang pro Tag für das Online-Portal liefern. Die grosse Mehrheit der Journalisten haben immer weniger Zeit, um zu recherchieren oder vor Ort zu korrespondieren. Umso eher werden Medienmitteilungen verschiedenster Institutionen oder Berichte der Schweizerischen Depechenagentur mit Copy/Paste übernommen. In einigen – selbst erlebten – Fällen werden Letztere sogar direkt und ohne Überprüfung auf die Homepage gespiesen.

Was einerseits die sinkende Vielfalt und Qualität der Schweizer Medienlandschaft widerspiegelt, betont andererseits, dass die Quellen eine wachsende Macht ausüben. Der Staat ist gemäss Gesetz dazu verpflichtet, dem Bürger alles mitzuteilen, was er aus zwingenden Gründen nicht verschweigen muss. Ganz nach dem Motto «was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss» können Staat und Institutionen also selbst entscheiden, was sie preisgeben wollen. Wenn sie aus taktischen Gründen dafür empfinden, etwas nicht ans Licht zu bringen, so wird das auch nicht passieren. Rafaela Roth, Redakteurin beim Tages-Anzeiger, beschreibt treffend, wie sie noch nie über einen Fehler der Polizei informiert wurde. Vielmehr betreibe die Polizei Öffentlichkeitsarbeit, um das eigene Image beizubehalten. «Die PR-Abteilung einer Polizei wählt selber aus, was sie an die Medien meldet: Was ist knackig? Was könnte die Journalisten interessieren? Was ist gerade Thema? Raser, körperliche Gewalt, Terrorismus – sowieso. Häusliche Gewalt – eher weniger. Die Kriterien, nach denen sie auswählt, sind intransparent.», schreibt sie in einem Kommentar.

Für den Konsumenten von Medien bedeutet das also, dass nur die Informationen an ihn gelangen, die auf ihn zugeschnitten sind: Die Quelle entscheidet strategisch über die Enthüllungen und der Journalist über dessen Relevanz. Das sind zwei Filterstellen, welche die Urteilsfähigkeit des Bürgers stark einschränken. Somit ist die Berichterstattung – ganz abgesehen einer erwähnten Nationalität – keineswegs vollständig, flächendeckend oder neutral.

Heute Ausländer morgen kein Schweizer

Zweitens wundere ich mich, warum Wolffs Gegner sich nur bei Polizeimeldungen vehement wehren. Neutral bedeutet, dass etwas in allen Situationen gleichermassen behandelt wird. Wenn also die Nationalität bei Straftaten konsequent erwähnt werden sollte, so muss das zwingend auch bei allen anderen Berichten passieren. Aber wie gehen die Journalisten mit der Nationalität in unterschiedlichen Fällen um?

Ich beobachte täglich, dass die Praxis sich nur dann der Herkunft bedient, wenn es in die Geschichte passt. Währendem bei Delikten ein negatives Bild von Ausländern geschaffen wird, entsteht keineswegs einen Ausgleich durch Nachrichten mit positivem und ermunterndem Inhalt. Nehmen wir als Beispiel die Forschungsgruppe der ETH, welche ein Herz aus Silikon entwickelte. Das langfristige Ziel der Forscher ist es, ein Kunstherz zu schaffen, um die knappen Spenderorgane zu entlasten. Zahlreiche Portale wie srf.ch, watson, blick.ch oder der Tages-Anzeiger schrieben über diese Errungenschaft. Dabei konzentrierten sich alle Autoren auf die Entwicklung und die Chancen des künstlichen Herzens. Bei allen Artikeln wurden zudem Nicholas Cohrs und Anastasios Petrou zitiert. Cohrs erfand das Herz und Petrou testete es. Jedoch erwähnte kein einziger Verfasser die Nationalität der zitierten Personen. Es wurde in diesem Fall also nicht für notwendig empfunden, die Herkunft der Forscher bekannt zu geben, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass die beiden keine Schweizer sind. «Das ist Vorenthaltung von Informationen!», höre ich gewisse Stimmen in meinem Hinterkopf rufen.

Als Gegenpol steht beispielsweise ein Unfall in Unterfelden, welcher auf blick.ch wie folgt betitelt wurde: «Betrunkener Kroat (65) kracht in Velo-Fahrerin». Die Herkunft des 65-jährigen Fahrers wird im Artikel noch drei weitere Male erwähnt: Im Lead, im ersten Satz und im letzten Satz. Dabei ist noch zu beachten, dass der Artikel deutlich kürzer ausfällt, als der Bericht über das Herz der ETH.

Ein genauer Blick genügt, um zu erkennen, dass Medien die Nationalität nicht überall gleich behandeln. Eine solch manipulative Nachrichtenschreibung darf und kann nicht als neutral bezeichnet werden, denn einem passiven Leser fällt diese Sachlage nicht auf. Vielmehr wird er durch die verdrehte Darstellung der Nationalität unbewusst beeinflusst. Zudem bildet er unbegründet Vorurteile. Der Forderung, die Nationalität bei Polizeimeldungen bekanntzugeben, kann demnach nur nachgegangen werden, wenn bei ausnahmslos allen anderen Berichten ebenfalls offenbart wird, woher die Protagonisten stammen.

Nationalität equals Bahnhof

Als dritten und letzten Punkt frage ich mich, was Nationalität heute noch aussagt. Vor etwa 200 Jahren fand die Industrialisierung ihren Anfang. Durch sie begann sich unsere Welt immer mehr zu vernetzen. Später verstärkten die Globalisierung und die Digitalisierung diesen Prozess noch deutlicher. Für die Wirtschaft ist es heute unvorstellbar, nicht global aktiv zu sein. Das lässt sich als Konsument gut erkennen, denn überall wo man hinreist, können dieselben Produkte gefunden werden. Weltweit werden dieselben Kleider getragen, dieselbe Musik gehört, dasselbe gegessen, mit denselben Geräten dieselben Serien geschaut und über Facebook in derselben Sprache mit denselben Leuten kommuniziert. Ausserdem pumpen die Herzen aller Weltbewohner Blut aus unzähligen, auf dem ganzen Globus verteilten Regionen. Zu sagen, man trage reines Schweizer Blut in sich ist ignorant und mehr als veraltet.

Liebhaber kritisieren diesen Vielfaltsschwund oft. Er bestätigt, dass Landesgrenzen fliessende Übergänge haben. Auch die regionalen Kulturgrenzen lösen sich auf. Es besteht also eine Diskrepanz zwischen der Aussagekraft eines Ländernamens und dem, wie sie von den Medien dargestellt, heisst von der Masse interpretiert wird. Ein Journalist steht im öffentlichen Dienst und trägt eine entsprechende Verantwortung auf seinen Schultern. Darum ist jeder Einzelne dazu verpflichtet, die Folgen seiner Ausstrahlung ethisch zu hinterfragen.

Es gibt zwei Punkte, bei denen die Kritiker und die Befürworter gleichgesinnt sind. Zum einen stimmen beide zu, dass Delinquenzen verhindert werden müssen. Zum anderen besteht über den Auftrag des Journalisten Einigkeit: er ist informierend, aufklärend und neutral. Was neutral aber genau heisst, lässt sich nicht einfach durch die Bekanntgabe einer Nationalität definieren. Erstens wird es im Journalismus die absolute Neutralität nie geben, denn es werden immer nur ausgewählte Geschichten veröffentlicht. Zweitens wird in der Praxis die Nationalität je nach Inhalt eines Berichts unterschiedlich erwähnt und beschrieben. Der Ton macht die Musik! Drittens ist im 21. Jahrhundert ein Fazit, welches aus einem Ländernamen gezogen wurde, bedeutungslos.

Es kann also weiterhin über eine niemals existierende Neutralität gestritten werden, oder aber wir wenden uns dem wirklich Relevanten zu: Wenn es tatsächlich so wäre, dass ausländische Personen in der Schweiz eher dazu geneigt sind, Delikte auszuüben, was sind die Gründe dafür? Liegt es daran, dass ihre Religion gewalttätige Prinzipien vermitteln? Oder liegt es vielleicht doch daran, dass sie in unserem Land keine anderen Auswege sehen? Ich weiss es nicht. Mit der Antwort könnten wir uns aber darauf konzentrieren, vorsorglich statt destruktiv zu agieren. Und idealerweise hätten wir dann auch eine wirklich fundierte Grundlage zu überlegten und demokratischen Entscheidungen.

Hier gibt’s den Text zum Download als PDF.

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