Die Geschichte über den kleinen Juri, der keine grossen Träume hatte und Astronaut wurde

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Sie hatten eigentlich schon lange aufgehört, sich ihren Punktestand zu merken, denn Ollis galt sowieso als lebenslänglichen Gewinner des Spiels. Vielleicht lag es daran, dass er dem Ziel meistens am nächsten sass oder aber er hatte Rabenaugen geerbt. Jedenfalls gelang es Juri und Milo nur ganz selten, ihn in einer Runde zu schlagen. Trotzdem riefen die drei Freunde ihre erzielten Punkte immer euphorisch aus und klatschten sich gegenseitig in die Hände, wenn sie einen absoluten Super-Treffer gelandet hatten. Zusammen kletterten Juri, Milo und Ollis – wenn sie es schafften, der langweiligen Erwachsenen-Welt zu entfliehen – hoch auf die Bäume und zielten von dort aus mit kleinen Holzstücken auf ihre vorbeigehenden Bekannten. Sie nannten das Spiel «percutere caput». Für Jungs in ihrem Alter gab es 20 Punkte, für Mädchen 50 und wer sich sogar traute, der Stammältesten das kleine Holzstück an den Kopf zu schmeissen, erhielt 100 Punkte. Die Alte versuchte jeweils, die Übeltäter zu erwischen, doch selbstverständlich schaffte sie das nie. Denn bis in die Baumkrone, wo die drei Kumpels sassen, konnte sie schon lange nicht mehr klettern.

Juri war der beste Kletterer von den Dreien. Ihm war das Leben am Boden mit immer den gleichen Spielen verleidet, seine Eltern machten ihm dauernd Vorwürfe und die restlichen Gesichter mochte er auch nicht mehr sehen. Darum schwang er sich mit seinen immer stärker werdenden Armen von Ast zu Ast, sobald er nur konnte. Im Dickicht der Bäume entdeckte er neue Perspektiven. Die Welt von oben gesehen, schien ruhig, klein und berechenbar. Wenn es Nacht wurde, sah Juri den Mond und die Sterne und beneidete sie dafür, dass sie von solch einer Distanz aus die Erde betrachten durften. Eines Tages würde er einen Baum finden, der annähernd so gross war, hatte er sich einst gedacht und versuchte seitdem, jeden Tag seinem Ziel näher zu kommen. Doch niemals hätte er sich vorstellen können, wie die Welt vom Universum aus wirkte.

Das Einzige, was seine Ruhe in der Höhe störte, waren die Stimmen seiner Eltern, die niemals aus seinem Kopf schwanden. «Du solltest endlich etwas Nützliches aus deinen zehn Fingern machen», wiederholten sie dauernd. «Du wirst nie etwas erreichen, wenn du dich nur immer amüsierst», «was wird nur aus dir werden?». Juri hatte keine Zeit, sich den Sorgen seiner Eltern anzuschliessen. Für ihn war klar, dass er sich der Höhen widmen würde. Ollis wollte Jäger werden – das war naheliegend – zudem hatte Milo ihm einmal von seinem Traum erzählt, Koch zu werden. Aber Juri? Er war glücklich und zufrieden damit, die höchsten Bäume der Gegend ausfindig zu machen, um auf ihnen zu klettern. Also wieso sollte er etwas daran ändern?

Juri wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er fünf fremde Personen erblickte, die am Waldweg entlang schlenderten. Nur äusserst selten verirrten sich Menschen in das Gebiet, wo er lebte. Dementsprechend verwundert war Juri über ihr Auftauchen. Er blieb ruhig. Die Gruppe trug Kleider in den Farben der Blätter und um ihre Schulter hingen Taschen sowie Seile. Wonach suchten sie im Wald? Von seiner Position aus konnte Juri sie ungehindert betrachten. Hinzu kam, dass er sie flink verfolgen könnte, falls sie aus seinem Blickfeld verschwinden würden. Er wollte mit seinen Freunden einen Plan schmieden. Doch bevor er sich mit ihnen besprechen konnte, hatte Ollis den Einen schon am Kopf getroffen. Typisch. Juri hätte es lieber gehabt, die Gruppe heimlich zu beobachten aber es war zu spät. Der Mann, der von Ollis getroffen worden war, zeigte, seine Kollegen herbeiwinkend, hinauf zu Juri und seinen Freunden. Regungslos blieben diese auf ihren Ästen sitzen. Die Leute am anderen Ende des Baumes schienen zu diskutieren, einer nahm seinen Hut ab, um besser in die Höhe blicken zu können. Nach einer Weile fingen sie an, kreisende Armbewegungen zu machen und riefen etwas, das Juri nicht verstehen konnte. Vielleicht wollten sie ja eine Auskunft verlangen, dachte er sich. Voller Tatendrang überzeugte er seine Begleiter, ihm zu folgen. Unten angekommen, stellte sich Juri in die Mitte der Gruppe und hüpfte aufgeregt von einem Fuss auf den anderen. Er streckte seine Hand zu Ollis und Milo aus – doch er verlor den Boden unter den Füssen und Sekunden später war alles schwarz.

Als Juri wieder aufwachte, blendete ihn grelles Licht. Reflexartig wollte er seine Augen verdecken, merkte aber daraufhin, dass seine Hände und Füsse angebunden waren. Wo war er? Bestimmt nicht mehr im Wald, denn es war kalt und roch nicht nach feuchtem Holz. Wo waren Ollis und Milo? Er rief nach ihnen, zuerst ganz leise, dann mit erhobener Stimme, doch niemand antwortete ihm. Auf seinem Kopf klebten irgendwelche Schnüre, die ihn an seinen Wangen kitzelten aber er schaffte es nicht, sie wegzuschieben. Neben ihm waren blinkende Bildschirme aufgestellt und dazwischen unzählige Kabel, die alle zu Juri selbst führten. Das Letzte an was sich Juri erinnern konnte, war, wie er mit seinen Freunden einen geeigneten Baum ausgesucht hatte, um dort «percutere caput» spielen zu gehen. Was war seither passiert?

Juri musste wieder eingeschlafen sein, denn plötzlich stand ein Mann in einem weissen Ganzkörpergewand neben ihm und begutachtete die Bildschirme. Als dieser bemerkte, dass Juri wach war, fing er an, die Schnüre von Juris Kopf zu entfernen. Danach zog er ihm einen ebenfalls weissen, viel kleineren Anzug über den Körper und setzte ihm eine grosse, harte Halbkugel auf den Kopf, befestigte sie um Juris Hals und hievte ihn vom Bett in einen kistenartigen Sitz mit runden Fenstern. Juri konnte sich nicht wehren und er verstand nicht, was der Mann andauernd zu sagen versuchte. Darum träumte er sich zurück in seinen wohligen Wald mit den hohen Bäumen, wo ihm niemand Böses wollte.

Er wurde aus seinem Tagtraum gerissen, als ein heftiger Schub ihn mit voller Wucht in seinen Sitz drückte. Juri klammerte sich mit seinen Fingern an die Kistenwand und erkannte dabei aus den kleinen Fenstern, wie die Umgebung unter ihm mit jeder Sekunde kleiner wurde. Ihm dämmerte, dass er in die Höhe stieg, denn das Phänomen kannte er vom Klettern. Er sah Bäume, Strände, Wasser und schon bald stellte er keine einzelnen Ecken und Kanten mehr fest, sondern nur noch blaue, grüne und weisse Farbflecken in ihren spannendsten Variationen. Die Fahrt nach oben verlief so schnell, dass Juri kaum Zeit hatte, alle Eindrücke zu verarbeiten. Als er die ersten Sterne erblickte, erinnerte er sich zurück an die ruhigen Abende auf den Baumspitzen und daran, wie er sich gewünscht hatte, an ihrer Stelle zu sein. Er dachte zurück an seine besorgten Eltern, an Ollis, den Jäger und an Milo, den Koch. Juri wusste nun endlich was er in Zukunft machen wollte: Der kleine Schimpanse, der keine grossen Träume hatte, würde Astronaut werden.

 

Anfang: Juri liebt es, auf Bäumen zu klettern und zu spielen.

Mitte: Juri wird von Menschen gefangen genommen.

Ende: Juri fliegt ins Universum.

Zentrale Frage: Wird es Juri schaffen, bis hin zu den Sternen zu klettern?

Prämisse: Geduld und Überzeugung führen zu Grossartigem.

 

Hier gibt’s den ganzen Text als PDF

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