Ein Essay zum Film «La Haine» von Mathieu Kassovitz

Square
«Ist es medienethisch vertretbar, während Gewaltszenen einen nichts tuenden Beobachter darzustellen?»

«La police est là pour protéger les citoyens. Mais qui est là pour nous protéger de la police?»

Ab den ersten Sekunden von «La Haine» präsentiert uns der Regisseur Mathieu Kassovitz den Konflikt, der uns durch den ganzen Film begleiten wird: An der Front sind wütende, rebellische Menschen. Ihnen gegenüber stehen Ordnungshüter in Vollmontur. Bevor der Kampf beginnt, hören wir die Stimme eines jungen Mannes. Er bezeichnet die Polizisten als Mörder, sie könnten schiessen, das wäre leicht. Aber sein Lager hätte keine Waffen, nur Steine. Es folgen Fernsehaufnahmen von Demonstrationen und Randalen. Fenster zerschlagen, Autos gehen in Flammen auf und Menschen werden auf den Boden gezerrt. Die Moderatorin erklärt, dass vor zwei Tagen ein Junge aus der cité von einem Polizisten schwer verletzt worden sei. Abdel Ichaha befinde sich seitdem im Spital auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Die Unruhen letzter Nacht seien auf diesen polizeilichen Übergriff zurückzuführen.

Am Tag nach den Ausschreitungen tauchen wir ein, in das Leben von drei Freunden Abdels: Vinz ist jüdisch und hat während den Ausschreitungen der Vornacht eine Polizeiwaffe gefunden. Voller Rachegefühlen, entscheidet er, einen Polizisten zu erschiessen, falls Abdel nicht überlebt. Er hat eine unglaubliche Wut in sich, scheint nervös und ungeduldig. Trotz seiner aggressiven Haltung und Sprache, krümmt er aber niemandes Haar. Hubert hat afrikanische Wurzeln und ist Vinz’s Gegenpol. Der grossgewachsene Boxer träumt von einem Leben ausserhalb der cité. Er positioniert sich klar gegen die Gewalt und versucht wiederholt, Vinz und dessen aggressiven Fantasien zur Vernunft zu bringen. Saïd ist maghrebinischer Herkunft. Wir lernen ihn als naiven, unreifen und verspielten Jungen kennen. Immer wieder begeht er unbedeutende Delikte – aber nicht, weil er kriminell, sondern eher, weil er abenteuerlustig ist. So sprayt er seinen Namen auf einen Polizeiwagen, lässt Süssigkeiten im Lebensmittelladen mitgehen und versucht ein Auto zu stehlen, obwohl er gar nicht fahren kann.

Das Trio lebt in der banlieue. Wir begleiten es knapp 24 Stunden lang von 10 Uhr morgens bis zur Dämmerung am folgenden Tag. Im Leben der drei Jungs passiert nicht viel, denn sie gehen nicht zur Schule und arbeiten nicht. Ihr Alltag ist darum geprägt von Langeweile und ziellosem Schlendern. Dabei werden sie wiederholt von der Polizei aufgehalten oder weggeschickt. Nachdem sie den Tag in der cité verbracht haben, nehmen sie gegen Abend den Zug ins Stadtzentrum von Paris, wo Saïd und Hubert festgenommen werden und darum den letzten Zug nach Hause verpassen. Sie sind gezwungen, eine Nacht totzuschlagen, während welcher sie erfahren, dass ihr Freund Abdel verstorben ist.

In der Löwenhöhle

Es ist 20:17 Uhr. Im Bild ist einer der drei Polizisten (P3), die Saïd und Hubert festgenommen haben. Er sitzt auf einem Stuhl und schaut etwas an, das vor ihm liegt. Dabei senkt er mehrmals die Augen und beisst sich auf die Molaren. Der Hintergrund ist unscharf, man kann aber einige Glasflaschen erkennen, die auf einem Regal stehen. Im Off hören wir eine provokative Stimme.

Mit dem nächsten Schnitt erkennen wir, worauf der Blick des Polizisten gerichtet war: Wir befinden uns im Polizeirevier. Saïd und Hubert sind in der Mitte eines Raumes nebeneinander auf Stühlen gefesselt. Saïd links und Hubert rechts. Die aggressive Stimme stammt von einem der beiden weiteren Polizisten (P1), die bei der Festnahme dabei waren. P1 spricht abwechselnd zu seinen Opfern und zu P3, der in Ausbildung zu sein scheint. Der letzte Polizist (P2) trinkt Bier. An der Wand hinter den Festgenommenen hängen eine Karte von Paris, ein anderes Poster sowie zwei Bilder von nackten Frauen. Vor den Füssen von Hubert liegt sein Messer. Die Kamera ist hinter dem sitzenden P3 auf der Höhe des Stuhls platziert, sodass sein Rücken das linke Drittel des Bildes einnimmt. «Allez, vas-y, ramassse. Tiens, rammase avec tes pieds! Toi dans ton pays, on ramasse avec les pieds, hein? On ramasse tout avec tes pieds dans ton pays, hein […]», es ist P1, der ununterbrochen spricht. Er beleidigt Saïd und Hubert, ist rassistisch, wiederholt seine Aussagen mehrmals und scheint dazwischen nicht zu atmen. P2 lallt unverständlich. Beide bewegen sich nervös im Raum. Sie laufen rund um die Stühle der Gefesselten, packen sie unsanft, rempeln sie an und würgen sie. Hubert wird laut und wehrt sich mit ganzer Körperkraft, als die Polizisten Saïd anfassen. Saïd selbst, sagt kein Wort. Auch der sitzende Polizist ist still und bewegt sich nicht. Das nächste Bild zeigt wieder P3, den sitzenden Polizisten. P1 kommt von links in die Kamera. Man kann seine Schulter uns seinen Kopf von hinten sehen. Er gibt Erklärungen ab und belehrt seinen Zuschauer. Danach wendet er sich um und verschwindet rechts durch das Bild. P3, der nur zugehört hat, schüttelt den Kopf.

Die nächste Einstellung zeigt erneut die beiden Jungs aus der cité. Die Aufnahme wurde aus der gleichen Position gefilmt, wie die Vorherige. Im Bild sieht man jedoch nur noch Saïd und Hubert. Die beiden Polizisten sind nicht mehr ganz zu erkennen, denn es erscheinen zwischendurch nur deren Oberkörper, Hände und Arme. P1 und P2 schauen auf den Identitätspapieren die Namen von Saïd und Hubert nach. Sie provozieren sie, zeigen mit dem Finger auf die beiden, nehmen ihren Kopf in die Hand, klatschen ihnen auf die Wangen und betrachten ihre Gesichter, währendem sie besprechen, welcher Name zu wem gehört. Wieder würgt sie P1.

Mit dem nächsten Schnitt sind wir wieder bei P3, der die ganze Zeit nichts gesagt hat. Im Vordergrund sind undefinierbare Bewegungen auszumachen. Wieder unterrichtet ihn sein Vorgesetzter und wieder schüttelt P3 den Kopf, als dieser sich wegdreht. Er scheint nervöser zu sein, als zuvor. Denn sein Blick wechselt schnell von links nach rechts – wahrscheinlich von P1 zu P2 und zurück. Man hört, wie P1 und P2 den Raum verlassen. Die nächste Einstellung zeigt abermals Saïd und Hubert. Sie krümmen sich und atmen laut. Saïd ist den Tränen nahe und schaut auf den Boden. Hubert hält Augenkontakt mit P3. Es gibt einen Schnitt und wir sehen nochmals den sitzenden Polizisten, der seinen Blick lange auf die beiden Opfer fixiert, bevor er seinen Kopf senkt.

In der beschriebenen Filmsequenz werden wir Zeugen eines Übergriffs. Die Polizisten P1 und P2 missbrauchen zwei Jugendliche, wobei sie ihnen zu Unrecht Gewalt antun. Gleichzeitig schaut eine dritte Person zu, die durch Kopfschütteln zu verstehen gibt, dass sie mit dem Verhalten der Kollegen nicht einverstanden ist. Trotzdem schreitet diese Person nicht ein. Wieso verhindert P3 die Fehlgriffe nicht?, frage ich mich.

Warum stellt Kassovitz jemanden dar, der sich nicht gegen Rassismus, Respektlosigkeit und Gewalt einsetzt? Ist seine Entscheidung gerechtfertigt? Das Ziel dieses Essays ist es, anhand einer Analyse und einer Interpretation über die Filmsequenz zu reflektieren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Beantwortung folgender Fragestellung: «Ist es medienethisch vertretbar, während Gewaltszenen einen nichts tuenden Beobachter darzustellen?»

Ein Teufelskreis aus Hass

Während einer polizeilichen Untersuchung in Paris am 6. April 1993 starb ein siebzehnjähriger Junge namens Makomé M’Bowole. Der Inspektor des 18. Arrondissement, Pascal Compain, tötete ihn mit einem Schuss oberhalb des linken Auges. Obwohl sich zwei weitere Personen mit Compain im Raum befanden, haben sie nicht reagiert, als dieser eine Waffe aus seiner Schreibtischschublade holte (Tourancheau, 1996).

«Wie kann ein junger Mann, der mit Handschellen an einen Stuhl gefesselt ist, einen Polizisten derart provozieren, dass dieser völlig ausser Kontrolle gerät? Was passiert in den letzten 24 Stunden im Leben eines jungen Menschen, der eines Morgens aufwacht und sich niemals vorstellen würde, dass dieser Tag sein Letzter ist? Wie kommt es, dass junge Menschen von der Polizei erschossen werden? Und vor allem, wieso erschiessen die Jugendlichen keine Polizisten?». Diese Fragen stellte sich Kassovitz und erkannte in der Tragödie von Makomé einen Teufelskreis aus Hass. Er entschied sich, den Prozess zu analysieren und die Geschichte von «La Haine» zu schreiben (Favier & Kassovitz, 1995, S.7). Der Übergriff an Makomé war in Frankreich kein Einzelfall. Im Gegenteil, er war einer von Hunderten Missbräuchen und Morden, für welche sich die Polizei verantworten musste (Vincendeau, 2005, S.12). Anfang 1990-er Jahren stieg in Frankreich der Rechtsextremismus auf. Grund dafür waren die wirtschaftliche Flaute sowie die grösser werdende Arbeitslosigkeit. Le Front National stigmatisierte die jungen Menschen aus der banlieue – meist schlecht integrierte Migranten – und machte sie verantwortlich für die Wirtschafts- und Sicherheitsprobleme des Landes. (Higbee, 2006, S. 65-67). Dieser politische Einfluss war auch in den Reihen der Polizei spürbar. Anstatt Integrations-Programme zu schaffen, wurde indirekt Repression gefördert. Gleichzeitig fühlten sich die Jugendlichen in den cités angegriffen und antworteten darum mit Provokation. Die Situation eskalierte. Das Thema wurde oft in den Medien behandelt und auch Filme besprachen polizeiliche Ge- walt– teils sogar humoristisch (Vincendeau, 2005, S.12).

Der Zuschauer auf Augenhöhe

In der Filmsequenz fällt auf, dass Kassovitz mit nur zwei verschiedenen Einstellungsgrössen und Kameraperspektiven gearbeitet hat. P3, der sitzende Polizist wird vier Mal in der gleichen Nahaufnahme gezeigt. Saïd und Hubert werden drei Mal gezeigt, wobei die erste Aufnahme eine Totale ist und darum P1 und P2 vollständig von Kopf bis Fuss gezeigt werden. Bei der zweiten und dritten Einstellung sehen wir Saïd und Hubert in einer Nahaufnahme, jedoch aus dem gleichen Blickwinkel wie bei der Totale. Die Kameraperspektive ist bei allen Einstellungen eine Normalsicht, denn die Kamera befindet sich auf Augenhöhe der abgebildeten Personen, also von P3, Saïd und Hubert (Bienk, 2008, S. 52-57).

Zudem werden im ganzen Film lange Einstellungen verwendet. Dies ermöglichte den Schauspielern, zu improvisieren (Steiner, 2012). Deutlich wird das, wenn man das Drehbuch (Favier & Kassovitz, 1995) mit den Aussagen im Film vergleicht. Die Totale der Polizisten dauert 1 Minute und 25 Sekunden und verhält sich statisch, das heisst es gibt keine Kamerabewegung (Bienk, 2008, S.59). Weiter werden die Einstellungen gegen Ende der Szene tendenziell kürzer. Auffälig ist auch, dass die Bilder der Gewalt gegenüber von Saïd und Hubert zeitlich dominieren, die Mehrheit der Einstellungen aber den nichts tuenden P3 zeigen.

Nicht zu vergessen ist, dass der Film ursprünglich in Farbe gedreht wurde, denn man dachte, das Projekt lasse sich so eher finanzieren. Kassovitz veröffentlichte sein Werk jedoch in Schwarzweiss (Vincendeau, 2005, S.14).

Das Gewicht der Stille

In den meisten Einstellungen der Sequenz wird der beobachtende Polizist P3 gezeigt. Dies obwohl er nichts tut und nichts sagt. Die Action spielt sich doch bei den Gewaltszenen ab, könnte man meinen. Trotzdem schreibt Kassovitz dem P3 enorm viel Bedeutung zu. Er will unbedingt, dass wir diese Person bemerken. Aber warum?

Für die Jugendlichen…

Im Vorwort zum veröffentlichten Drehbuch schreibt Kassovitz, dass sich «La Haine» klar auf der Seite der Jugendlichen positioniert. (Favier & Kassovitz, 1995). In der Sequenz kann diese Haltung dank mehreren stilistischen Mitteln erkannt werden. Wie in der Beschreibung erwähnt, sind Saïd und Hubert auf Stühlen gefesselt. Auch P3 sitzt auf einem Stuhl und befindet sich darum auf dem gleichen Niveau wie die Jugendlichen. Er kann ihre Emotionen nachvollziehen. Verdeutlicht wird dieser Aspekt durch die gewählte Kameraperspektive, welche P3, sowie auch Saïd und Hubert in der Normalsicht auf Augenhöhe begegnet. Es ist ein Zeichen für Respekt und Gleichbehandlung. Der Kontrast dazu bilden die stehenden, gewaltausübenden Polizisten, denn diese schauen auf ihre Opfer herab und behandeln sie minderwertig. Nicht nur das Kopfschütteln, sondern auch die gewählte Darstellung betont also, dass P3 mit den Jugendlichen sympathisiert.

… und deutlich gegen die Polizei …

Währendem sich Kassovitz auf die Seite der Jugendlichen stellt, übt er gleichzeitig heftige Kritik an der Polizei. «La Haine ist ein Film gegen die Bullen und ich wollte, dass er als solcher verstanden wird», sagt er selbst. (Séguret, 1995) Sein Ziel ist es, zu provozieren und das macht er, indem er den Polizisten Attribute verleiht, die nicht unbedingt positiv ausfallen. In der Sequenz treten P1 und P2 sehr unprofessionell auf. P2 ist völlig betrunken, die meisten seiner Worte sind nicht verständlich und er trinkt während der Untersuchung aus einer Flasche Bier. Zudem stehen die Bilder von den nackten Frauen an der Wand als Symbol dafür, dass dieser Raum als Vergnügungsort dient.

Die Provokation ist übrigens deutlich als solche verstanden worden. Während dem Filmfestspielen von Cannes in 1995, wo Mathieu Kassovitz den Preis als besten Regisseur erhielt, wendeten sich die Polizisten buchstäblich von ihm ab. Sie drehten ihm und seinem Filmteam den Rücken zu, als diese die famosen Treppen hochgingen. (Steiner, 2012)

… aber vor allem gegen Vorurteile zu Gunsten einer alternativen Realität

Aber warum positioniert sich Kassovitz so stark? Wie er selbst in einem Interview erklärt, versuchte er eine alternative Grundlage für die Meinungsbildung zu schaffen, als es die Medienwelt anbot. Er habe den Film nicht für die Leute aus der banlieue gedreht, sondern für Leute wie seinen Vater, welche die cités nicht kannten. Er wollte, dass die Leute die Nachrichten mit anderen Augen schauen, und dass diese letztendlich anders abstimmen (On Refait Le Rap, 2015).

Die Medien stellten sich im Gegensatz zu Kassovitz oft gegen die Jugendlichen. Marie-Claude Taranger analysierte die Fernseh-Programme über die banlieue in einer Studie von 1989 bis 1993. Sie kam zu Schluss, dass «die Abhandlung über die banlieue einer konservativen Ideologie dient – konzipiert, um ein Bild zu erhalten, welches die banlieue und vor allem ihre ‚Immigranten’ als gewalttätig und gefährlich darstellt» (Vincendeau, 2005, S.24).

Das ist wahrscheinlich der Grund, wieso der Regisseur den Film in Schwarzweiss publizierte. Die monochromen Aufnahmen heben sich deutlich von dem ab, was im Fernsehen gezeigt wird. Ausserdem war es nicht sein Ziel, die polizeilichen Übergriffe in den Mittelpunkt zu stellen, denn diese hatten die Leute oft genug gesehen. Ihm ging es darum, sich auf die andere, zu wenig beleuchtete Seite zu konzentrieren und zu hinterfragen, was die Rolle der Aussenstehenden ist. Kassovitz hat auf die Abbildung von P3 beharrt, weil dieser die Gesellschaft verkörpert: Er weiss, dass Gewalt angewendet wird, wehrt sich aber nicht dagegen.

In der Sequenz hat Kassovitz einen Menschen gezeigt, der nichts gegen eine Gewalttat unternimmt. Natürlich müsste er einschreiten. Aber Ziel von Kassovitz’s Darstellung war nicht, ein initiativloses Dasein zu fördern. Im Gegenteil: Er wollte seine Zuschauer dazu animieren, differenzierter über gesellschaftliche Schwierigkeiten zu reflektieren.

Der Film erlangte eine enorme Reichweite und wurde zum Kino-Hit Frankreichs. Die Medienbeiträge explodierten. Sogar der damalige Premierminister Alain Juppé verlangte, dass «La Haine» seinem Kabinett vorgeführt wird. (Johnston, 1995). Kassovitz hat definitiv Diskussionen angeregt. Er hat es geschafft, die Vorurteile über Jugendliche aus der banlieue aufzumischen, indem er das Blatt drehte und ein alternatives Bild zu den Medien aufnahm. Aber vor allem brachte er seine Zuschauer dazu, mit der banlieue zu sympathisieren, denn dank «La Haine» wurden die Jugendlichen zur Abwechslung nicht als randständig bezeichnet. Viel eher stecken sie voller Emotionen, Träumen und Liebe.

Den ganzen Text sowie das Quellenverzeichnis und das Sequenzprotokoll gibt es hier als PDF.